Schließen
Silkroad Rallye Istanbul - Shanghai 2013

Silkroad Rallye Istanbul - Shanghai 2013

Korla, 04. Oktober 2013

Heute morgen beim Frühstück fragte mich ein Rallye-Teilnehmer: Weisst Du, dass es unter Deinem Auto tropft? Vermutlich Benzin.
Ich dachte: Seltsam, gestern Abend war noch nichts, woher mag das so plötzlich kommen?
Eine Überprüfung an Ort und Stelle ergab: Tatsächlich, eine Lache unter dem Auto, und es tropft, und zwar aus der Benzinpumpe.

Die nächsten Schritte waren konsequent: Auto aufbocken, Benzinpumpe ausbauen, Schaden analysieren.
Das Leck war an der Stelle zu verorten, wo der Strom für die Pumpe in dieselbe hineingeführt wird. Eine Ersatzpumpe war nicht vorhanden, weder hatte ich eine mitgenommen (was bei so langen Reisen eigentlich ratsam ist), noch war eine geeignete bei einem der anderen Rallyeteilnehmer vorhanden. Also Reparaturversuch: Sorgfältige Reinigung der Pumpe und Aufbringung einer dicken Schicht von benzinfestem Zweikomponentenkleber. 2 Stunden Wartezeit, bis der Kleber ausgehärtet ist.
Inzwischen sind die anderen Rallye-Teilnehmer bereits weitergefahren, denn der ganze Tross kann nicht auf Erfolg oder Misserfolg einer einzelnen Reparatur warten.
Wiedereinbau der Pumpe und Einschalten der Zündung zeigen: Es leckt nach wie vor.
Ein schneller Entschluss: Kein weiterer Reparaturversuch, sondern Verladung des Autos auf den Anhänger des Reparatur-Teams und Weiterfahrt zum nächsten Etappenziel.
Glück im Unglück: Wir haben heute nur 300 km vor uns, und das auf gut ausgebauter Autobahn. Der Land Rover Defender des Reparatur-Teams mit uns auf der Rücksitzbank (völlig neue Perspektive) und dem SL auf dem Anhänger bewegt sich mit 95 - 100 km/h recht flott vorwärts.

Ankunft in unserem Etappenziel Korla dann um 16:00 Uhr. Wir beschliessen zweigleisig vorzugehen: Marco wird die Pumpe zerlegen um dem Problem auf den Grund zu gehen, Dario und ich werden versuchen, irgendwo eine neue Benzinpumpe, die irgendwie geeignet sein könnte, aufzutreiben.
Die zwischenzeitliche Abstimmung mit meiner Werkstatt in der Schweiz hat ergeben: Eine Benzinpumpe, wie ich sie im Auto habe, ist im Moment in der Schweiz nicht verfügbar. In Deutschland gäbe es evtl. noch eine. Sie könnte dann aber erst am Montag verschickt werden. Da nützt aber DHL alleine aber auch nichts, denn solche Sendungen müssen durch den chinesischen Zoll, und der hat wegen der Goldenen Woche im Moment arbeitsfrei.
Wir verzichten also auf diese Möglichkeit. Die Anforderungen an irgendeine Benzinpumpe für mein Auto sind: Druck mindestens 3 bar, Fördermenge 5 Liter pro Minute.
Wir machen uns auf die Suche, Gott sei Dank ist die "Automeile" bestehend aus Dutzenden von kleinen Werkstätten (Werksvertretungen gibt es weit und breit keine) in unmittelbarer Nähe des Hotels. Wir verständigen uns mit Händen und Füssen, auch mit Handy-Fotos. Darios Schwyzerdütsch verstehen die Chinesen anscheinend besser als mein englisch (das hier praktisch niemand spricht). Am Ende werden wir wahrscheinlich fündig: Ein Garagist verspricht uns, morgen früh die einzige für den ausserhalb des Tanks geeignete Benzinpumpe, die in Korla z.Zt. erhältlich ist (moderne Autos haben die Pumpen innerhalb des Tanks eingebaut, die sind aber wegen ihrer Konstruktion für mich nicht verwendbar; da die Chinesen in grösserer Zahl erst seit ca. 10 Jahren Auto fahren, sind diese alle entsprechend neueren Datums und. Ersatzteile für alte Autos gibt es praktisch nicht!) verfügbar zu haben. Wir zahlen den halben Kaufpreis an und vertrauen darauf, dass er auch liefert. Wenn er tatsächlich eine auftreibt, wäre das fast wie ein Sechser im Lotto.

Zurück am Hotel hat Marco mittlerweile die Pumpe auseinandergebaut, einen porösen Dichtungsring ersetzt und sie wieder zusammengebaut.
Wiedereinbau der Pumpe, Zündung einschalten - es tropft immer noch. Die Ursache muss woanders liegen. Nochmaliger Ausbau der Pumpe und totale Demontage. Abdichtung des Lecks mit Flüssiggummi. Das muss bis morgen früh aushärten, dann werden wir sehen, ob dieser (und damit der letzte) Versuch funktioniert hat.

Turfan, 6. Oktober 2013
Der erste Blick fällt morgens manchmal auf den Fussboden, und gelegentlich entdeckt man, dass das Originalmuster des Teppichs im Lauf der Zeit liebevoll ergänzt wurde... Ansonsten ist unser Hotel jedoch völlig in Ordnung.
Der zweite Blick galt heute meiner Benzinpumpe - unverändert alles trocken.
Heute waren Besichtigungen in Turfan und Umgebung angesagt. Die Oasenstadt Turfan hat eine lange Geschichte, es wurden Nekropolen aus dem 1. Jahrtausend v.Chr. entdeckt. Die Türken hatten das Gebiet vom 5.-7. Jh. unter Kontrolle, 640 kamen die Chinesen, 790 dann die Tibeter. Ab 843 gehörte Turfan zum uighurischen Reich.

Wir führen zunächst zur Ruinenstadt von Jiaohe. Umgeben auf beiden Seiten von einem Fluss erhebt sich eine Lössbodenterrasse von 37 Hektar 30 Meter hoch. Aus dieser Terrasse wurde die Stadt förmlich herausgeschnitten, d.h. Räume und Gänge wurden ausgehöhlt, die Wände blieben stehen und erhielten anschliessend eine Decke aus Holz, die ähnlich einem Gefach beim Fachwerk mit Stroh und Erde bedeckt wurde. Löss ist natürlich ein relativ weiches Material und das Ganze konnte nur deshalb funktionieren, weil es in der Gegend praktisch nie regnet (16 mm/Jahr).
Die Anfänge der Stadt gehen in das 2. Jh. v.Chr. zurück, um 1300 wurde sie von den Mongolen abgebrannt. Was man heute noch sehen kann, ist aber immer noch beeindruckend und zieht zahlreiche Touristen an.

Die Fahrt ging, vorbei an Chili-Schoten trockenden Landarbeitern, weiter am Flammenden Berg vorbei, der seinen Namen daher hat, dass er im Abendlicht wunderschön leuchtet - wir waren leider mittags dort. Er ist 100 km lang und 10 km breit.

Bald erreichten wir die Tausend-Buddha-Höhlen von Bäzäklik, der Name ist wohl abgeleitet von den Wandmalereien mit Buddha-Darstellungen, die man in den Höhlen sieht (dort wieder strengstes Fotografierverbot). Sie ähneln den Buddha-Höhlen von Kizil, und siehe da: Eine Tafel weist darauf hin, dass der bereits erwähnte Albert von Le Coq dem Ort 1905 seinen Besuch abstattete, zahlreiche Fresken abmontierte und sie nach Berlin transportierte, wo ein grosser Teil im 2. Weltkrieg zerstört wurde.
Die Landschaft um Bäzäklik mit ihren Felsen und Sandbergen erinnerte mich in Farb- und Formgebung stark an das Sossusvlei in Namibia, das wir in 2011 bereist haben. Man kann die Berge auf einem Kamelrücken besteigen (wegen der Hitze empfehlenswerter als selbst hochzuklettern) oder sich mit traditioneller Musik die Zeit vertreiben lassen

Zurück ging die Fahrt zurück nach Turfan, und unterwegs lauschten wir einem Vortrag von Clara, der zweiten chinesischen Reiseleiterin über die Ein-Kind-Politik der Regierung. Bei Clara haben wir den Verdacht, dass sie eine von der Partei abgeordnete Aufpasserin ist.
Eine offene Frage stand im Raum: Wie kommt es zu einer Oasenstadt, wenn nur 16 mm Regen im Jahr fallen? Die Antwort ist so logisch wie faszinierend: Es wird Schmelzwasser von den weit entfernten, bis 7000 Metern hohen Bergen herangeführt, und zwar seit uralten Zeiten. Man muss sich das so vorstellen, dass wie an einer Perlenschnur aufgereiht bis zu 50 Meter tiefe Brunnen gegraben wurden, die durch unterirdische Kanäle miteinander verbunden wurden. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass das alles in Handarbeit geschah und die unterirdischen Kanäle bis zu 25 km lang sind (in der Region liegen 5000 km (!!!) solcher Kanäle), kann man sich vielleicht vorstellen, welche unmenschliche Arbeit das gewesen sein muss. Ähnliche dieser "Karez" genannten Systeme entstanden in Persien und in Afghanistan. Die Kanäle sind heute noch in Gebrauch.

Zum Abschluss der Besichtigung besuchten wir das Emin-Minarett, mit 10 m Durchmesser und 37 m Höhe "das grösste älteste" Minarett in China. Was soll dies bedeuten? Die Antwort, typisch chinesisch: Es sei nicht das grösste und auch nicht das älteste, aber doch das grösste älteste...
Die neben uns sitzenden Uighuren (im Gegensatz zu Korla sieht man hier wieder welche) hörten sich das alles ziemlich gelassen an...
Im kleinen Basar nebenan trafen wir auch Vertreterinnen der modernen Generation an.

Die wichtigste Meldung heute für das Rallye-Team: Der Bentley von Curdin Coray fährt wieder!
Das benötigte Radlager hing in Peking vor dem Zoll fest, denn der ist während der Goldenen Woche geschlossen und hätte normalerweise eine weitere Verzögerung von einigen weiteren Tagen verursacht.
Auf Bitte meiner früheren Assistentin und heutigen guten Freundin Susanne Reinecke machte DHL China einen Riesenjob: Man schaffte es, die Sendung durch den eigentlich geschlossenen Zoll zu bringen und auf die nächste Maschine in das 5000 km entfernte Urumqi zu verladen. Dort nahm es ein Fahrer heute morgen um 03:19 Uhr in Empfang und brachte es im Auto die letzten 250 km nach Turfan, wo das Reparatur-Team es sofort einbaute. Curdin und seine Frau sind glücklich - thanks to DHL!

Voller neuer Eindrücke werden wir morgen zwischen Tianshan-Gebirge auf der einen Seite und den Ausläufern der Wüste Gobi weiter nach Hami fahren.

Hami, 7. Oktober 2013
Wir fahren weiter Richtung Osten. Immer noch sind wir in Xinjiang, unglaublich, wie gross diese Autonome Provinz ist. Wir kommen noch einmal an den Chili-Trocknern vorbei. Riesige Mengen davon werden in China vertilgt. Die finden sich in fast jedem Gericht, was meinem persönlichen Geschmack sehr entgegenkommt. Die Schoten werden auf grossen Flächen entlang der Strasse ausgelegt. Da sie gekocht oder gebraten verzehrt werden,muss man wohl nicht allzulange darüber nachdenken, wie gründlich sie entstaubt worden sind.

Auf halber Strecke hat die Reiseleitung in einer einfachen Raststätte ein Picknick organisiert. Auf dem Parkplatz halten auch die in dieser Gegend häufig anzutreffenden Monstertrucks, die mit 40 Metern knapp zehnmal so lang sind wie mein Auto.
Abfall wird anscheinend gedankenlos in die Gegend geworfen. Überall in einem breiten Streifen rechts und links der Strasse finden sich Glasscherben oder Reste von Plastikverpackungen. schade, dass damit die schöne Landschaft so verschandelt wird. Oder dürfen es vielleicht noch eine Kurbelwelle, ein paar verbeulte Felgen oder ein paar alte Reifen sein ?

Die prächtige Kulisse des Tianshan-Gebirges bietet die ideale Gelegenheit zu einem Gruppenfoto, da sich fast alle Autos eingefunden haben, nur der Opel Rekord fehlt.

Manche Autos oder Busse haben etwas schwer zu merkende Typbezeichnungen, vielleicht finde ich noch heraus, welche Marketing-Philosophie dahinter steckt.

Wir haben uns aus 155 Meter unter NN wieder auf 1600 Meter Höhe vorgearbeitet, jetzt senkt sich die Strasse langsam wieder, die Berge verschwinden und geht in eine todlangweilige Ebene über, in der wir nach insgesamt 400 km die gesichtslose Stadt Hami (immer noch in Xinjiang) erreichen. Morgen werden wir nach Dunhuang weiterfahren, wo es dann wieder richtig etwas zu sehen geben wird.

Peter Kruse
Manager und Privatier