Schließen
Das Erbe der Gardaseezitrone

Das Erbe der Gardaseezitrone

Nicht nur Limoncello

Der Gardasee mit seinen kulturellen und kulinarischen Highlights ist bis heute eine Inspirationsquelle für viele Köche, denn hier hat sich durch die Fülle der Natur eine besonders vielfältige Küche entwickelt, in der die Zitrone eine große Rolle spielt.

Neben den ausgezeichneten Weinen und Olivenölen wurden am Gardasee als einer der nördlichsten Produktionsstätten Europas auch Zitrusfrüchte angebaut und von dort exportiert, bevor die internationale Luftfracht die Vermarktung ins Ausland beendete. Zitronen waren schon am englischen Hofe Heinrichs VIII im 16. Jahrhundert als Würze für Geflügel und Fisch in Mode gekommen und seither eine begehrte Frucht in den höfischen Küchen Nordeuropas.
Jahrhundertelang prägte der Zitronenanbau die Landschaft der westlichen Seeseite. Sogenannte Limonaie stehen auf terrassenförmig angeordneten Anbauflächen, wobei die italienische Limonaia der französischen Orangerie und dem Pommeranzenhaus in Deutschland entspricht. Die warmen Hanglagen am westlichen Seeufer zwischen Riva und Gardone eigneten sich bestens für den Zitronenanbau und der Name des Ortes Limone an dieser Stelle erinnert noch an die Ursprünge dieser Tradition.
Die Zitronenbäume wurden in der Regel auf drei bis fünf länglichen Terrassen mit Steinstützmauern angepflanzt. Damit die empfindlichen Pflanzen die Winterfröste überleben konnten wurden die Terrassen mit einer Pergolakonstruktion überdacht, die in den kalten Wintermonaten mit Holzplatten abgedeckt wurde. Die Temperatur in den Limonaien wurde mit kleinen Feuern, Kerzen oder Fußbodenheizungen über dem Gefrierpunkt gehalten. Die Bewässerung erfolgte durch nahegelegene Bäche die teils mit Hilfe von Wasserrädern die Terrassen bewässerten. Seitlich entlang mehrerer Terrassen waren die Gärtnerhäuser zur Bewirtschaftung integriert. Diese Limonaiene prägen die Kultur- und Architekturlandschaft der Orte des Westufers bis heute. Manche Gärtnerhäuser wurden auch in größere Wohnhäuser umgebaut, aber die terrassenartigen Gebäudestrukturen sind bis heute in der Landschaft gut erkennbar.
Einige der Limoniaen sind noch heute mit meist sehr alten Zitronen bepflanzt und werden hauptsächlich vor Ort als Zutat in allerlei Gerichten und Süßspeisen und zur Herstellung des berühmten Gardaseelikörs Limoncello genutzt.

Der Gardasee ist seit Jahrhunderten Anlaufstelle vieler begeisterter Besucher und auch berühmte Geister wie Goethe, Kafka, Thomas Mann oder Winston Churchill schätzten und schätzen die einzigartige Atmosphäre des Sees. Die Faszination für den Gardasee liegt aber nicht nur an seiner natürlichen Lage, im Norden schroff-bergig und im Süden flach und lieblich entlang der letzten Ausläufer der Alpen, sondern auch an der markanten länglichen schlanken Form und extremen Tiefe des Sees. Das Wasser ist besonders sauber und klar und erinnert eher an ein Meer als einen See. Das besondere Lichtspiel von Mond und Sonne macht den Gardasee zu einem fast magisch anziehenden Ort.
Das besonders abwechslungsreiche Wetter am Gardasee beschert manchmal hohe, dramatische Wellen und manchmal einen fast unheimlich stillen See mit spiegelglatter Oberfläche. Die Architektur entlang des Ufers ist geprägt von eleganten Villen und einfachen Fischerhäusern, wobei jeder Ort seinen eigenen Reiz und Charakter hat. Den Norden prägen einfache schützende alpine Gebäude die an Südtirol erinnern; im Süden herrschen klassizistische Villen und sogar Renaissancearchitektur vor. Dazu kommen römische Ausgrabungen wie die Grotten des Catull an der südlichsten Spitze auf einer Halbinsel.
Zurück zur Zitrone, die in allen Orten entlang des Sees eine zentrale Rolle in der Küche einnimmt, von Zitronenrisotto und Zitonentagliatelle bis hin zur Zitronenmeringata und dem Zitroneneis und -sorbet. Bis heute also wird die kulinarisch anspruchsvolle Küche des Gardasees von der Zitrone auf intensive Weise geschmacklich geprägt, obwohl viele vergessen haben, dass sie schon in der Renaissancezeit neben der Papierproduktion im „Valle de Cartiere“ die Gegend entscheidend geprägt hat, sowohl in wirtschaftlicher, als auch in aspektativer und natürlich vor allem kulinarischer Weise. Darauf sollte man schleunigst einen Limoncello trinken.

Daniel Roehr
Associate Professor für Landschaftsarchitektur