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Bis ans Ende von Europa

Bis ans Ende von Europa

Ein Film aus einer untergegangenen Welt

Vor 25 Jahren war ich ein junger Filmemacher, bereit für meinen ersten großen Auftrag. Und tatsächlich, endlich klingelte das Telefon. Allerdings war der Job ganz anders als die erwartete Reportage über bayerisches Brauchtum oder die Schwabinger Musikszene. Die Frage lautete: "Hast Du Lust, in den Osten zu fahren? In den Osten – DDR also? Nein, richtig in den Osten, in die Sowjetunion!"

Beim Bayerischen Rundfunk suchte man jemanden jungen unvoreingenommenen, um das Land jenseits der bisherigen Kalte-Kriegs-Klischees frisch zu entdecken. Zwei Wochen später stand ich, fröstelnd natürlich, und etwas unsicher, auf dem Roten Platz. Am Anfang eines filmischen Abenteuers, das mich drei Jahre beschäftigen, bis nach Wladiwostok führen, und meine filmische Arbeit für immer prägen sollte.

2017 ist ein guter Zeitpunkt zurückzublicken. Der Zusammenbruch der Sowjetunion jährt sich zum 25. Mal. Das war zu Beginn meines Projekts nicht absehbar. Voller Ehrfurcht, und manchmal Furcht, machte ich mich mit der fremden Supermacht bekannt. Das war der Sinn dieses Dokumentarfilms: eine Begegnung mit den Menschen im größten Land der Welt.

Schon die Einreise war beeindruckend: Soldaten, Kontrollen, Kalaschnikows, jede Menge Papierkram, grimmige Gesichter, Zwangsumtausch, das graue Intourist Hotel. Die Klischees jedenfalls stimmten: atemberaubend scheußliche Plattenbauten, trostlose, dunkle Straßenzüge, lange Schlange vor den leeren Geschäften. Leere Gesichter.

Zuerst fühlt man sich als Westler in dieser Welt vor allem unsicher. Darf man überhaupt mit den Menschen sprechen? Was tun, wenn man nach Devisen gefragt wird (also dauernd)? Soll man die überall angebrachten Lobpreisungen der Partei, des Kommunismus, des Weltfriedens ernst nehmen? Wohin weisen die vielen Lenin-Statuen? Darf man an denen einfach so vorbeigehen? George Orwell wußte, wovon er schrieb.

Doch nach drei, vier Tagen kommt die Erkenntnis: Das alles ist Oberfläche. In der Sowjetunion gibt es zwei Wirklichkeiten. Die nach innen und die nach außen. Keiner kennt den anderen, aber die Russen sind mindestens so interessiert an uns Westlern, wie wir an ihnen. Nach fünf Jahren Perestroika sehnen sie danach, den Rest der Welt kennenzulernen, und nicht als Feinde zu sehen. Keiner weiß, wie das geht, das muß erst geübt werden. Aber es gibt wichtige, ganz neue Regeln, die ich erst einmal lernen muß.

Vor allem: Es gibt keine Regeln mehr. Keiner weiß, was gestern verboten und heute erlaubt ist. Alles verändert sich, die Russen glauben nicht mehr an ihren Staat, die Autorität bröckelt. Dafür gibt Neugier. Ich lerne: Wenn jemand 'Ja, kein Problem' sagt, wird es wahrscheinlich nichts. Wenn jemand zweifelnd und grübelnd ein 'Njet' hin- und her wälzt, dann will er dir wirklich helfen. Und: Nie fragen, ob etwas möglich ist. Die Antwort ist dann sicherheitshalber immer 'Nein'. Besser: Einfach loslegen, nicht fragen und Vornamen nutzen. Die Russen sind die hilfsbereitesten Menschen der Welt, die normalen Leute haben die UdSSR nur deshalb gemeistert, weil man sich im kleinen zur Seite stand.

Kennenlernen, Grenzen überwinden, Zusammenarbeit – das wurde zu etwas wie der Losung meines Films. Mit viel Geduld und viel Warten in Vorzimmern wichtiger Funktionäre, wurde das Projekt zu einer Ko-Produktion zwischen dem Bayerischen Rundfunk, dem Fernsehen der DDR und dem Leningrader Staatlichen Dokumentarfilmstudio – dem ältesten der Welt. Jeder stellte etwas bei – die Russen 35mm Filmausrüstung, weil Video in der Sowjetunion unerschwinglich war.

Als deutsches Filmteam drehten wir jetzt also im Königsformat, und zählten praktisch als Angestellte der sowjetischen Filmindustrie. Mit dem in Rußland alles entscheidenden Dokument, dem Propiska, einem Ausweispapier, das uns als offiziellen Dokumentarfilmer Freiflüge auf Aeroflot, Unterkunft in luxuriösen Kulturwohnheimen und Zugang zu allen öffentlichen Bereichen verschaffte. Ein backstage pass für die gesamte Sowjetunion, sozusagen. Im Westen völlig undenkbar, aber in diesem hyperzentralisierten Staat ein Zauberstab.

Er sollte mich auf den Roten Platz während der ersten großen Anti-Regime Demo am 1. Mai 1990 führen, nach Tschernobyl, in die Donezker Stahlwerke am Dnjepr und zu den Medressen von Buchara in Zentralasien. Aber ein Ziel reizte mich mehr als alle anderen: Der russischen Ferne Osten und die damals noch für Ausländer verbotene Hafenstadt Wladiwostok. Wie kommt man dahin: Mit etwas frechem Mut, einem furchtlosem russischen Reisebegleiter und dem Propiska von LenDoc.

Unseren Begleiter fanden wir in dem charismatischen Theaterschauspieler Igor Koslow, den ich bei einer für Moskau sagenhaft wagemutigen Aufführung von Arthur Millers The Crucible kennenlernte. Igor stammte von der Insel Sachalin, kannte sich im russischen Fernen Osten also gut aus. Sein Rat, typisch für die Zeit: Nicht fragen, einfach losfahren. Er organisierte zwei russische Abteile auf dem Rossia-Express, den wir als transsibirische Eisenbahn kennen, und es blieb nur noch die Waggonbegleiterin gut kennenzulernen, damit sie uns nicht an irgendwelche Apparatchiki verpfiff.

Das war auf beinahe vierzehn Tagen Zugfahrt kein Problem, im Gegenteil, alle Mitreisenden wurden zu Mitverschwörern unseres Vorhabens. Den Rossia Express muß man sich dabei eher wie einen Regionalzug vorstellen – er hält in jedem zweiten Kaff. Nur daß die Käffer im Osten des Landes einige hundert Kilometer voneinander entfernt sind. An jeder Haltestellte wird mit lokalen Produkten gehandelt, es wird alles notwendige wird angeboten. Zwei Produkte gab es bei allem Mangel in der UdSSR seltsamerweise immer: Blumen (als absolut notwendiges Mitbringsel bei Einladungen oder gar Dates) und Gurke-Tomate Salat.

Die Zuggäste wechseln sich daher ab; nur die wenigsten russischen Passagiere reisen die gesamte TransSib-Strecke. Je weiter man nach Osten gelangt – insgesamt sind es beinahe 9000km – desto sibirischer und dann fernöstlicher wird das Publikum. Man begegnet Menschen für die schon Moskau unsagbar weit entfernt ist, geschweige denn West-Europa. Ein Deutscher hat hier Seltenheitswert – ein Umstand, von dem ich bald sehr profitieren sollte.

In unser Abteil gesellte sich ein Paar aus Wladiwostok, das davon träumte, daß sich seine Stadt irgendwann öffnen und zu einer Touristenattraktion am Pazifik entwickeln würde. Als ein wunderbares Beispiel für die Aufbruchsstimmung, die damals in Rußland herrschte, hatten die beiden das Reisebüro Welcome Vladivostok gegründet.

Mein Filmteam wurde ihre ersten Kunden. Beim nächsten Stop, in der Stadt Chabarowsk am mächtigen Amur-Fluß – wurde vorraustelefoniert, das Hotel und vor allem aber eine vielversprechende Sightseeing-Tour in Wladiwostok vorbereitet. Alles über persönliche Kontakte – inkl. KGB – und mit dem Hinweis, daß für uns nichts geheim bleiben würde, alles wäre möglich. Das klang sehr spannend, denn immerhin war und ist Wladiwostok Rußlands größter Kriegshafen, Heimat der mächtigen Pazifikflotte.

Die nächtliche Ankunft gestalte sich herzlich und völlig problemlos – außer dem vielen Anstoßen mit Wodka, das wir im Namen der neuen Völkerfreundschaft über uns (willig) ergehen lassen mußten. Am nächsten Morgen sollten die Dreharbeiten auf einem der Hügel beginnen, die die Stadt wie in San Francisco, aber am anderen Ende des Pazifiks, überblicken,. Ich gehe davon aus, daß wir das erste westliche Filmteam waren, dem sich diese Gelegenheit bot.

Es kam anders: Auch wie San Francisco ist Wladiwostok für seinen dichten Nebel berüchtigt. Den erwischten wir am ersten Tag. Wir standen zwar – genau wie versprochen – mit unseren russischen Gastgebern auf dem Hügel – doch der Blick reichte keine drei Meter weit in dichte Wolken. Das sollte unser Triumph sein?

Rührend besorgt stellte Welcome Vladivostok ein alternatives Programm zusammen. Das faszinierende an der Stadt sind nicht die Kriegsschiffe, sondern daß hier am östlichen Ende Rußlands, 11.000 km von Berlin, quasi in Sichtweit Chinas, Japans und Nordkoreas ein durch und durch europäische mit durch und durch europäischen Menschen liegt. Die Kaufhäuser sind von deutschen Handelsleuten im frühen 20. Jahrhundert gebaut, und nach ihnen benannt. Man fühlt sich nicht anders als in Tallinn oder Lemberg. Die Sprache ist russische und ein wenig Englisch Und dann, als große Überraschung, zeigte man uns riesige deutsche, britische und österreich-ungarische Soldatenfriedhöfe, die noch aus der Zeit des 1905er Krieges stammen. Europa reicht bis an den Pazifik.

Und wir waren die ersten, die das filmten. Selbst im Hafen neben den Zerstören und Flugzeugträgern kümmerte sich niemand um uns. Schließlich trauten wir uns, die Kamera direkt auf dem Kai, vor einem riesigen Schlachtschiff aufzubauen, und die Flotte zu filmen. Kurz darauf kam ein Militär-Lada auf uns zu gefahren. Wir hielten die Luft an. Doch der Fahrer drehte nur zwei, drei neugierige Runden um uns herum, und kehrte um. Eine neue Zeit war angebrochen, mit dem Ausblick auf Frieden und enger Nachbarschaft.

Das war vor 25 Jahren. Der Ferne Osten erlebte einen Boom, Partnerschaft mit den Nachbarländern wurde großgeschrieben. Gleichzeitig erlitten die Menschen die rabiate Einführung des Kapitalismus und gerade im Osten, weit weg von Moskau, atemberaubende Korruption. Rußland hat es nicht geschafft, sich der Welt wirklich zu öffnen. Krim-Annektierung und Syrien-Krise isolieren das Land. Im Fernen Osten ergänzt durch Angst vor China. Das Reisebüro Welcome Vladivostok hat wahrscheinlich wieder schließen müssen. Eine Fahrt mit dem Rossia Express an den Pazifik wird aufs Neue unwahrscheinlich.

Mich wird das nicht davon abhalten, an Rußland und seine Menschen als unsere Nachbarn und irgendwie auch Verwandte zu glauben. Die Krönung und der Abschluß unserer Drehreise war ein Besuch auf der Insel Sachalin, nördlich von Wladiwostok im Pazifik. Hier war 1983 der Korean Air Jumbo 007 von den Sowjets abgeschossen worden. Diese geheimnisvolle Insel – nur wenige Kilometer von Japan entfernt – war für Ausländer erst recht verboten.

Doch das verschlafene Cholmsk am Tartarensund war die Heimatstadt unseres Freund und Begleiters Igor. Er überredete einen Bekannten am Flughafen, uns als Gäste seiner Eltern mitzu¬nehmen. Einfach so. Dank Propiska ging das ohne allzuviele Fragen. Igors Vater leitete den Fuhrpark des örtlichen Fisch¬kombinats. Ein typischer sowjetischer Arbeiter, der in seinem Leben Sachalin nur einmal während seines Militärdiensts verlassen hat.

Im sowjetischen Standard-Wohnzimmer, das in Cholmsk nicht anders als in Leningrad aussah, wurde uns ein Bett gemacht – die Gastfreundschaft war überwältigend. Aber auch die Neugier, ja der Durst, Menschen aus dem Westen kennenzulernen.

Igors Eltern wollten uns etwas ganz besonderes bieten, und so kam ich zu meinem ersten Sushi-Mahl – vor dem mir als Fisch-Banause grauste. Es war die Zeit vor der Wende, als in der UdSSR private Devisen-Restaurants aufzumachen begannen. Und in Sachalin, ganz nahe an Japan, war das eben Sushi. Allerdings zu Preisen, von denen ich wußte, daß hier mehrere Monatsgehälter des Vaters über den Tisch gingen. Es half also nichts, wir mußten das genießen.

Ich lernte an diesem Abend am äußersten Ende des Fernen Osten nicht nur Sushi zu schätzen, sondern 'mein' Rußland: Handfest, verläßlich, neugierig, europäisch. Gleichzeitig isoliert, indoktriniert, unerfahren. Wir sind Nachbarn in Europa. Wir haben gar keine andere Wahl, als uns weiter für einander zu interessieren. Es wird sich lohnen.

25 Jahre nach Sushi in Cholmsk bin ich jedenfalls weiter in Rußland unterwegs. Am liebsten etwas abseits der offiziellen Wege. Wir entwickeln gerade einen Spielfilm über eine ganz große, bisher unerzählte Geschichte: Die 900-Tage Blockade von Leningrad und die unglaubliche Aufführung von Schostakovichs berühmter 7. Symphonie – der Leningrader – in der belagerten Stadt.

Das wird hoffenlich eine neue Geschichte – aber von heute, aus dem Jahr 2017.

ENDE

Jens Meurer
Filmproduzent, Regisseur und Drehbuchautor