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Wo Glockenklänge den Ton angeben

Wo Glockenklänge den Ton angeben

Dong … Dong … Dong …

Drei Schläge der Glocke, zart, unaufdringlich ... es ist viertel vor zwölf. Wir sitzen draußen, kuscheln uns in Decken und schauen den Kindern zu, wie sie Schneebälle rollen. Wenig später grinst uns Leo verschmitz an - ein stattlicher Schneemann mit drei runden Kugelbäuchen, Mohrrüben-Nase und einem Wollschal. "So friert er nicht", sagt Laura.

Draußen: Egal, ob ich morgens das Fenster öffne und die winterliche Morgenluft einatme, durch den verschneiten Wald spaziere oder - so wie jetzt - die Bergsonne auf der Terrasse genieße. Das bedeutet Draußen.

Wenn wir genau hinhören, begleiten uns die Klänge der kleinen Wallfahrtskirche Viertelstunde um Viertelstunde. So brauchen wir gar kein Smartphone, um zu wissen, wie spät es ist: ein Schlag für fünzehn nach ..., zwei für jede halbe Stunde, drei für Viertel vor - und schließlich vier Töne zur vollen Stunde. 

Vor sieben Jahren, bevor Noel, unser Ältester geboren wurde, verbrachten wir eine Woche in Südfrankreichs Plum Village, einem buddhistischen Achtsamkeits-Zentrum, das 1982 vom vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh gegründet wurde. Mit unermüdlichem Engagement setzte er sich für Menschenrechte und Frieden ein, er wurde zu einem der bekanntesten Zen-Meister unserer Zeit.

Das internationale Retreat-Zentrum in der Nähe von Bordeaux besteht aus vier Klöstern und etwa 200 praktizierenden Mönchen und Nonnen. Bis auf wenige Wochen im Jahr sind die Türen der Klöster für Besucher geöffnet. Man kann vorbeikommen und den Mönchen und Nonnen bei alltäglichen Arbeiten folgen, hier wohnen oder an speziellen Retreats teilnehmen. 

Meditation und Achtsamkeit stehen im Vordergrund. 

Ich denke also an den Mönch und das Kloster und an die Ruhe in Südfrankreich. 

Mit Rucksack und Zelt ausgestattet, kommen wir mit dem Zug an und werden am Bahnhof von St. Foie de Grande abgeholt. Nach etwa 45 Minuten Fahrt durch die hügelige Landschaft Südfrankreichs erreichen wir mit dem Shuttle Bus Upper Hamlet, eines der vier Klöster, in dem wir untergebracht sind. Ab und zu übernachten wir auch in unserem Zelt und fühlen uns an Hüttenlager aus unserer Jugendzeit erinnert. Am ersten Abends wird das Tagesprogramm vorgestellt, die nächsten sieben Tage sind dicht gefüllt, so viel steht fest.

Frühmorgens um fünf weckt uns die Glocke, nach Morgenmeditation und leichter Bewegung frühstücken wir gemeinsam um acht. Das Essen ist vegan, die Gerichte sind eine Mischung aus östlicher und westlicher Küche. Sie schmecken nahrhaft und lecker. 

Der Tagesablauf bis abends um neun beinhaltet Aufgaben wie fegen, putzen, Blumen gießen und Matten abklopfen, aber auch Gehmeditationen, Gespräche, gemeinsames Essen, etwas Freizeit für sich und Vorträge.

Nach neun zum nächsten Morgen: Stille,

Das Ritual, dass am Ende einer jeder Woche alles angesprochen wird, was sich aufgestaut hat, erweist sich als befreiend. Wir nehmen uns vor, das auch zuhause zu praktizieren. Hier wird jede Tätigkeit als Meditation bezeichnet: gehen, sprechen, trinken, arbeiten, zähneputzen ...

Ich brauche ein bis zwei Tage, um mich an die Ruhe zu gewöhnen und selber ruhiger zu werden. Das Anhalten bei jedem Glockenlang inspiriert und begeistert mich von Anfang an, egal, ob gerade gekocht oder getanzt wird, ein Mönch Flöte spielt - sobald der Glockenklang ertönt, unterbricht jeder seine Tätigkeit, bis der Klang verhallt.

So entsteht Raum zum Ankommen im Hier und Jetzt.

Bei einem seiner Vorträge spricht Mönch Thay über die Samen, die jeder Mensch in sich hat, Schöne und weniger schöne. Der Mensch entwickelt sich, sagt er, wie seine Samen gewässert werden. Samen des Ärgers und der Eifersucht entstehen, wenn sie durch meine negativen Gedanken oder die anderer Personen gewässert werden.

Umgekehrt entwickeln sich positiven Samen wie Liebe oder Freundschaft. „Lass niemals zu, dass jemand deine negativen Samen wässert, erlaube es niemandem!“ Thays Botschaften und Bilder sind so verblüffend einfach und klar, dass ich meinen, manchmal zerstreuten und unruhigen, vielleicht auch negativ bewässerten Geist praktisch vor meinen Augen sehe.

Nach und nach gelingt es mir, langsamer und klarer zu werden. Ich führe Tätigkeiten bewusst, ruhig und achtsam aus, für eine schnelle und organisierte Frau wie mich eine wirkliche Herausforderung. Ähnlich einem Teich wird das aufgewühlte Wasser allmählich stiller und bald so klar, dass ich bis auf den Grund sehen kann. 

Ein anderes Mal geht es um schmerzvolle Gefühle wie Traurigkeit oder Angst. Anstatt uns abzulenken oder die unangenehmen Emotionen weghaben zu wollen, empfehlt uns Thay, mit ihnen zu sprechen: „Hallo meine Traurigkeit, ich sehe, dass du da bist und ich werde mich gut um dich kümmern“. Wie eine liebevolle Mutter sich um ihr Baby kümmert, so wollen wir auch für unseren eigenen Kummer sorgen und uns seiner annehmen, bis er abnimmt. Nur nicht unterdrücken.

Wir kehren erholt und näher bei uns selbst aus dem Retreat zurück. Seitdem versuche ich, Achtsamkeit so gut wie möglich zu leben und in die Hektik des Alltags zu integrieren. 

Ein Ritual festigt sich: Das Klingeln des Telefons nehme ich zum Anlass, einige Momente anzuhalten und zu unterbrechen, was ich gerade tue. Ich kann allen nur empfehlen, ähnliche Bewusstseins-Übungen in den Tag einzubauen.

Hierfür eignen sich zum Beispiel alle wiederkehrenden Geräusche oder Klänge von außen, die wir nicht beeinflussen können. Und dann bewusst innehalten: Einatmen. Ausatmen. 

Es klingt einfach, ja fast banal, doch wie Thich Nhat Hanh einmal sagte, in diesem einen Moment, in dem ich einatmend weiß, dass ich einatme, und ausatmend weiß, dass ich ausatme, bin ich frei. Frei von Reue über die Vergangenheit und frei von Sorgen über die Zukunft.

Zurück in den kühlen Winter: Am Nachmittags packe ich aus. Mein Mann entspannt in der Waldsauna, Noel und Laura lassen sich nicht davon abbringen, auf dem zugefrorenen Naturteich ihre neuen Schlittschuhe auszuprobieren. 

Meinen Zuruf: „Aber aufpassen!“ hören sie gar nicht mehr. Trotzdem bin ich beruhigt. Von unserer Suite blicke ich zum Natursee und halte die beiden im Auge. Es fühlt sich herrlich einfach an, wenn die Kinder über die Türschwelle raus in die freie Natur können. 

Zwei Stunden später kann sie nur die Aussicht auf einen heißen Kakao mit viel Schlagsahne davon überzeugen, reinzukommen. Wenig später sitzen wir in der gemütlichen Gaststube am warmen Kachelofen. Ich lese ihnen aus „Der Weg des sanften Löwen“ vor, dem Märchenbuch, das uns für die Kleinen bei der Ankunft im Haus zusammen mit grünen Kinder-Bademänteln und einem eigenen Spa-Angebot überreicht wurde.

Mojo, der kleine Zoolöwe, fühlt sich elend. Dabei könnte sein Leben im Tierpark doch so gemütlich sein. Futter gibt es reichlich, er darf faulenzen, spielen und seine Eltern passen auf.

Und dennoch vermisst er etwas, spürt er eine tiefe Sehnsucht nach der Weite der Savanne, den Duft von frischem Gras, nach einem Leben fern vom eintönigen Alltag im Zoogehege. Von den anderen verlacht, fasst er sich eines Tages ein Herz und flieht mit Unterstützung von Bundhi, der weisen Eule, seiner wertvollen Ratgeberin und treuen Freundin. Damit beginnt die aufregende und beschwerliche Suche nach dem kostbarsten Schatz auf der Welt: Einem glücklichen Leben im Einklang mit sich selbst. Eine bezaubernde Weisheitsgeschichte.

An diesem Abend schlafen wir mit offenen Vorhängen, ich lasse mich von den Sternen, die am pechschwarzen Nachthimmel noch heller zur Geltung kommen, beeindrucken. 

Ob es die frische Bergluft des Tages war, ob es das Zirbenholz im Zimmer ist ... wir schlafn jedenfalls tief und wachen wir erst nach acht auf. 

Zum Frühstück gibt es Selbstgemachtes: Brot, Marmeladen , ein Omelette aus Eiern von Bäuerin Erika, die einen kleinen Hof in der Umgebung bewirtet.

Wir freuen uns auf den Kronplatz, Südtirols Skiberg Nummer eins. Mit 200 Pistenkilometern kommen alle auf Ihre Kosten: kleine Helden und Prinzessinnen im Ski-Kindergarten, Ski-Liebhaber vom Anfänger bis zum Profi.

Etwas erschöpft, aber vollends zufrieden kehren wir nach einem sonnigen Skitag zurück.

Das windschiefe Türmchen der rosa Kirche winkt von fern. Schon jetzt freue ich mich auf erholsame Wellness-Stunden und eine lockernde Massage meiner müden Skimuskeln. Als passionierte Saunagängerin mache ich beim meditativen Sauna-Aufguss mit Klangschalen mit. Ich schließe meine Augen, während mich Wärme, natürliche Düfte, ätherischer Öle und Klänge umhüllen. 

Obwohl der Aufguss mild und entspannend ist, schwitze ich durch die Vibrationen der Klangschalen mehr als gewöhnlich. Hier gibt es also neben den Glockenklängen des Kirchleins auch noch andere spezielle Urlaubsmomente, die zum Innehalten einladen, denke ich, als ich mich nach dem Saunabad im flauschigen Bademantel und einer Tasse Tee draußen an der offenen Feuerstelle erhole.

Am darauffolgenden Tag steht uns mit der Wintersonnenwende der kürzeste Tag und die längste Nacht bevor. Hier in Saalen findet die traditionelle Räucherung von Haus und Hof statt. Der Brauch des Räucherns ist uralt und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. 

Wir treffen uns an der Rezeption, wo es schon vertraut nach Weihrauch duftet, ein tropisches Harz das reinigend und harmonisierend wirkt und dem nachgesagt wird, dass es das Tor zur inneren, zur spirituellen Welt öffnet. 

Unser Hotelier, Herr ... Tauber, schwingt das Räuchergefäß mit glühender Kohle und Weihrauch. 

Wir folgen ihm durch Küche, Stuben und schließlich auch die Ställe des Bauernhofs. Zum krönenden Abschluss werden wir an der Feuerstelle mit dampfendem Glühwein, Orangenpunch und hausgemachter Weihnachtsbäckerei empfangen. 

Geräuchert wurde als Dank für das abgelaufene Jahr und als Bitte um Schutz vor Kälte, Krankheit und Hunger im neuen. Traditionsgemäß wurde im Mittelpunkt des Hauses, in der Küche mit dem Räuchern begonnen.

Fehlte ein Familienmitglied oder wurde erst nach neun geräuchert, galt dies als schlechtes Omen.

In der heutigen Zeit, in der unsere Bedürfnisse nicht mehr so existenziell sind, kann das Räuchern in der Zeit der Raunächte, den zwölf Nächten zwischen Heiligabend und Dreikönig, zum Loslassen von Dingen, Menschen, schlechten Gewohnheiten oder hindernden Gedanken genutzt werden.

Die Zeit verrinnt ... Es ist der der letzte Tag unseres Kurzurlaubes, morgen fahren wir mit vielen Eindrücken nach Hause, um im Kreise der Familie Weihnachten zu feiern. Aber hier, an diesem idyllischen Platz inmitten der verschneiten Winterlandschaft , zwischen handgeschnitzten Engeln und feierlich geschmückten Christbäumen, könnte ich mir Weihnachten mit meinen Liebsten auch gut vorstellen. 

Bevor wir abreisen, schauen wir uns das kleine Kirchlein noch von innen an. Frau Tauber, die gute Seele des Saalerwirts tauscht verwelkte Blumen mit neu arrangierten Gestecken aus - rote Weihnachtssterne. Nicht nur im Saalerwirt sorgt sie für liebevolle Details und frische Tischblumen, auch das Kirchlein profitiert von ihrem grünen Daumen. 

Gottesdienste gibt es hier, nach dem Tod des Pfarrers vor einigen Jahren, zwar kaum mehr, erzählt sie uns, doch im Frühling und Herbst inspiriert die romantische Umgebung so manche Paare, sich im Kirchlein das Ja-Wort zu geben. 

Wir schwärmen von den Glockenklängen und erfahren, dass die Glocken früher rund um die Uhr auch nachts, schlugen.

Doch heute reiche es aus, wenn der Hahn den Tag willkommen heißt, scherzt Frau Tauber. In 35 Jahren Ehe war der Hahn einer der wenigen Gründe, mit ihrem Hans, ihrem Mann, zu streiten.

Warum sollte ein krähender Hahn oder ein zwitschernder Vogel beim ersten Sonnenstrahl den wohlverdienten Schlaf beenden?

Mein Mann und ich blicken uns an. Und wir haben in diesem Moment den gleichen Gedanken: Wenn es nur ein Hahn ist - oder wie bei uns eine Katze, Grace - worüber wir uns in die Haare kriegen, dann sind wir angekommen. 

Gutgelaunt verabschieden wir uns Und bereits auf dem Heimweg wird uns klar, dass wir nicht zum letzten Mal hier waren.

Familie Tauber
Hotel Saalerwirt
Hotel Saalerwirt

In ruhiger Abgeschiedenheit liegen Gasthaus, Hof und Wallfahrtskirche eng aneinander geschmiegt. Genießen Sie die Gemütlichkeit im neu erbauten "imHaus", den Badeteich, die Naturprodukte, Geschichte und Tradition.

Details zum Idyllic Place