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Die Heilanstalt

Die Heilanstalt

Vater und Sohn verliebten sich in eine Lungenklinik

Von Jan Schmidt

Gerade präsentierte sich das Dolomitenpanorama noch majestätisch im schwindenden Abendlicht, während sich der Speisesaal des Hotels langsam leert. Vereinzelte gedämpfte Gespräche, gelegentlich das Klackern einer Espressotasse, die abgestellt wird. Im nächsten Moment verhüllen sich die Bergspitzen, die Gespräche verstummen, zu gebannt verfolgen die wenigen Gäste das monumentale Schauspiel. Alois Hinteregger, ein freundlicher, kerniger Anfangfünfziger, gebürtig aus dem Lüsnertal in Südtirol, tritt an unseren Tisch und eröffnet zurückhaltend, aber elegant ein Gespräch. Nur wenig später befinden wir uns in ganz anderen Zeiten ...
Nach langer Suche gelangte endlich die Erfolgsmeldung nach Wien: Ort gefunden! Diesen einen wichtigen Ort, wo unheilbar Kranken Linderung verschafft werden sollte. Der Ort für den Bau einer Lungenheilanstalt. Die Höhe stimmte, die Anzahl der Sonnenstunden, das Klima. Während der Schatten des Ersten Weltkrieges sich auf die österreichisch-ungarische Monarchie legte, wurde mit den Plänen begonnen, hier in Südtirol, 16 Kilometer entfernt von Brixen, in dem kleinen Ort Palmschoß auf 1770 Metern Höhe ein gigantisches Projekt umzusetzen. Acht Gästehäuser, 800 Betten, dazu Behandlungsgebäude, Empfang, Ärztehäuser und vieles mehr. Größer, großartiger als im schweizerischen Davos, das sahen die Pläne zur Zeiten Kaisers Franz Joseph vor. Und dafür gab es nur einen, der dies umsetzen konnte. Der weltberühmte Wiener Architekt Otto Wagner.
Wagner, 1841 bei Wien geboren, verlor schon im Alter von fünf Jahren seinen Vater, der an einem Lungenleiden starb. Trotz der schweren Zeit schaffte es die Mutter, dass Otto eine erstklassige Ausbildung erhielt. Wagner studierte unter anderem später an der Königlichen Bauakademie in Berlin. Als Architekt prägte er wie kaum ein anderer seine Heimatstadt Wien. Und als er mit den Plänen für den Bau der Lungenklinik beauftragt wurde, zögerte er keine Sekunde. Doch als das Projekt endlich beginnen konnte, das erste der acht Häuser gebaut wurde im Jahr 1917, geriet es auch sofort wieder ins Stocken. Die Kriegswirren machten den Weiterbau unmöglich, im April 1918 schließlich starb Otto Wagner im Alter von 76 Jahren. Als sich abzeichnete, dass Südtirol Italien zugesprochen wird, wie es auch 1919 mit dem Friedensvertrag geschah, wurde das erste Haus der Lungenheilanstalt und das fertige Empfangs- und Gästehaus dem Vatikan übereignet. Es sollte nicht dem italienischen Staat in die Hände fallen. Die katholische Kirche machte aus der Lungenklinik ein Erholungsheim für Geistliche, auch katholische Jugendgruppen wurden aufgenommen. Doch schon nach wenigen Jahrzehnten floss kein Geld mehr in die Einrichtung, der Vatikan legte die „Colonia“,
wie sie nun hieß, still. Sie wurde vergessen, zurückerobert von der Natur, Bäume legten während der folgenden 50 Jahre einen dichten Schutzwall um das Haus. Erst an einem wunderschönen Frühlingstag 2008, Alois Hinteregger hatte sich gerade von der neu gestalteten Rossalm-Hütte
auf demPloseberg davon gestohlen für einen Spaziergang, stolperte er im wahrsten Sinne über
das langgestreckte Gebäude im Wald. Auf einen Schlag fasziniert sprach er einen Jäger an, der ihm über den Weg lief und erfuhr die Geschichte des Hauses. „Ich habe es erst vor meiner Familie geheim gehalten“, sagt Hinteregger, „und habe mich noch mehrmals heimlich dorthin gesetzt und alles auf mich wirken lassen.“ Eines Tages fasste er sich ein Herz und nahm seine ganze Familie mit, seine Frau Gabi, seine Töchter Petra und Martina, seine Söhne Stefan und Daniel. Was folgte, ist
ein Paradebeispiel, was eine (Groß-)Familie (Alois hat allein zwölf Geschwister) und ein gutes Netzwerk leisten kann. Verhandlungen mit den Besitzern wurden aufgenommen, Fürsprecher gefunden, während im Hintergrund schon die Familienmitglieder die Planung der Baugewerke in
Gang setzten. „Bei unserem letztjährigen Treffen kamen 365 Familienmitglieder, die Hälfte kannte ich noch gar nicht“, erzählt Sohn Stefan nebenher bei einem entspannten Glas Südtiroler
Wein. Die Hintereggers schafften das schier Unmögliche. Sie übernahmen Haus und Land, in nur dreieinhalb Monaten wurde die ehemalige Lungenheilanstalt in einem Kraftakt zu einem Vier-Sterne-Hotel umgebaut. „Nie, nie mehr mache ich so was“, sagt Alois. Bei minus 20 Grad wurde zum Teil gewerkelt, der eine riss auf, was der andere gerade zugemacht hatte, weil er etwas vergessen hatte. „Die ersten Buchungen waren gemacht, die Gäste waren schon im Anflug.“ Sie bekamen alles hin. Ende 2009 eröffnet das Hotel Rosalpina Palmschoß. Alois’ Sohn Stefan hatte zu der Zeit gerade seine Ausbildung an der renommierten Hotelfachschule Luzern begonnen, verbrachte ab jetzt jede
seiner Ferienzeiten im neuen Hotel Rosalpina. „Wir sind damals gestartet mit einem Sternekoch
und einer renommierten Crew“, berichtet er. Doch so ein Sternekoch lässt sich ungern etwas sagen von einem damals gerademal 21- Jährigen. So kam es zum Krach, auch weil Gäste gern mal ein „ordentliches Schnitzel gehabt hätten statt der aus Paris eingeflogenen Minikartöffelchen.“

Also tauschten die Hintereggers von einer Saison zur nächsten die komplette Mannschaft aus.
Unterdessen wurde RTL auf den jungen aufstrebenden Mann aus Brixen aufmerksam. Für „30
Minuten Deutschland“ hatte sich Hotelfachmann Reto Gaudenzi auf die Suche nach einem
Assistenten für ein 5-Sterne-Hotel gemacht. Er wurde fündig. In der Hotelfachschule Luzern. Mit
Stefan Hinteregger. „Es war eine große Ehre für mich. Vor einem Jahr wurde mir dann ein Vertrag
in einem renommierten Fünf-Sterne-Hotel angeboten.“ Berlin, München oder die Karibik standen
zur Auswahl. Stefan Hinteregger atmet tief durch. „Ich habe abgelehnt.“ Er interpretierte meinen
Gesichtsausdruck richtig, als er sagte: „Viele haben mich da für verrückt erklärt.“ Aber er musste
seinem Herzen folgen, er musste hierhin zurück, nach Palmschoß, in das Haus mit den 30 Suiten –
die klassischen mit 2 Zimmern, gedacht damals für den Patienten und seinen Pfleger – zurück
an diesen entrückten Ort, seinen Ideen folgend, die da sind: „In einer herzlichen Atmosphäre soll
der Gast nie, nie in Stress geraten. Seine Wünsche werden erfüllt.“ Und er berichtet von organisierten Wanderungen, um den Sonnenaufgang zu genießen, Fischen in der Wildnis, einer Jagdgesellschaft, den Panorama-Pool, der er bald bauen lässt in der nächsten Saisonpause. Und
man beginnt zu verstehen, warum die Fünf-Sterne-Häuser dieser Welt ihm vieles, aber eben
nicht alles bieten konnte. Der Abend neigt sich dem Ende. Die Beine sind müde von der Wanderung der Tages, der Mond scheint auf die Bergspitzen und ich sehe das denkmalgeschützte
Mauerwerk, die Fenster und die komplett reduzierten Zimmer mit anderen Augen. „Der Blick soll dem Wesentlichen gelten und nicht durch irgendwelchen Nippes abgelenkt werden. In den meisten Hotels, in denen ich nächtige, ärgere ich mich, weil ich allein 30 Minuten brauche, um alles zu erfassen und zu verstehen“, grummelt Alois Hinteregger. Und dieser Otto Wagner, das muss echt ein Großer gewesen sein, um diese Kunst der Einfachheit verstanden zu haben.

Stefan Hinteregger
Gastgeber - Rosalpina Dolomites